Archiv für den Monat: Oktober 2022

Mühler Hof

Zu dritt, Angelika mit Emma, spazieren zu diesem Gasthof in unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Eine sehr schöne Speisekarte (seniorenfreundlich in großer Schrift :-), gerade richtig im Umfang, glänzt mit toller Getränkeauswahl, Weine vom Saletz. Wir entscheiden uns für einen Primitivo, sehr gut! Das Essen ist hervorragend, die Nachspeise wunderbar.

Wir genießen jede Minute, es ist Urlaub pur, entspannte Gelöstheit, glücklich schlendern wir nach zwei Stunden wieder nach Hause.

Jahrestag

Ich sitze am selben Platz, am Tisch. Es ist noch dunkel. In ein paar Stunden ist es genau ein Jahr her.

14. Oktober 2021

Ein Gummiband zerreißt in meiner Brust. Eigenartig. Das Aneurysma, eine Aufweitung meiner Hauptschlagader auf mehr als das Doppelte, war zufällig im Frühjahr entdeckt worden. Ich wähle ruhig die 112. Ob die Adresse noch stimme und ob jemand die Tür öffnen könne. Ich gehe die Treppe hinauf und wecke meine schlafende Frau „Die Rettung kommt gleich, kannst Du die Tür aufmachen?“. Drei Minuten später steht die Notärztin mit einem Team im Wohnzimmer. Ein brennender Schmerz, schnell unerträglich stark. Atemnot und ein Druck wie Tonnen. Die Ärztin gibt Kommandos, der Koffer mit den tausend Ampullen ist geöffnet, es wird injiziert, gemessen, ein eingespielter Ablauf. Bei der dritten Spritze lässt meine Anspannung nach, Atmen. Maxi unser Kater hat mittendrin hat den Platz seiner Wahl gefunden: er liegt in den Armen eines Sanitäters (diese Uniform!!) und schnurrt.

Nach den Untersuchungen wird fieberhaft versucht, ein Krankenhaus zu finden. Innsbruck hat vor 10 Minuten einen Notfall reingekriegt, die sind zu. Nebel verhindert Flüge in den Rest von Österreich. Augsburg nimmt mich dann endlich. Angelika, zuhause, ohne zu wissen, was mit mir ist, sieht irgendwann den Hubschrauber fliegen. So oft haben wir den schon gesehen.

Ich versuche beim Flug aus dem Fenster zu sehen: da ist der Dürrnberg, da wollt ich heute rauf, mit den Hunden, herrliches Herbstwetter. Die Ärztin schaut mich kurz an, berührt mich am Arm, füllt dann das Formular weiter aus. Der Hubschrauber ist laut, alles vibriert, wie auf Schienen geht es nach Norden. Bei der Landung wieder routinierter Ablauf und Protokoll: Übergabe. Name, Daten, Verlauf . Das empfangende Team mit dem später operierenden Arzt auf der anderen Seite. Wie im Film.

Die Wand meiner Hauptschlagader, dreilagig, hat sich, beginnend beim Herzen, aufgespaltet, dadurch dünner kann jederzeit ein Riss auftreten. Sofort tödlich. Die Aufspaltung wird über den gesamten Arterienbogen bis hinunter in den Bauchraum zu den Verzweigungen zu den Organen, zuletzt zu den Nieren gehen. Die Operation dauert sieben Stunden, der Bogen kann ersetzt werden, auch die Herzklappe. Angelika erhält erst um 10 am Abend einen Anruf. Sie soll das Handy auf den Nachttisch legen. Wenn kein Anruf kommt, hab ich die Nacht überlebt.

Monate

In den ersten Stock zu kommen, 18 Stufen.

Am unerträglichsten: auch mein Geist und meine Seele sind so kraftlos.

Angelika ist allein in der Klockerei, mit mir, mit all unseren Wesen. Sie ist da, immer, in den schwersten Zeiten.

Unglaublich, was für ein Geschenk!

Erst in den letzten Monaten wird all das, was passiert ist, gegenwärtiger und realisierbarer. Eigentlich: leben zu dürfen.

Mit jedem Tag wird alles spürbarer und einordenbarer. Ich habe mein Leben ein zweites Mal geschenkt bekommen. Unglaublich.

Ich bin mir meiner Sterblichkeit bewusst. Täglicher. Jede Freude ist ein Fest. Jedes Lächeln, jedes gute Wort. Jeder Apfel, jedes Erdbeermarmeladebrot.

Leider bekommt man Fähigkeiten nicht gleich dazugeschenkt. Ich bin immer noch ich (eh auch eine gute Nachricht :-).

Das größte Geschenk: miteinander zu leben.

Was bleibt

Das Leben und das Lebendige.

Jede Sekunde in Liebe.

„Unser Leben kann nicht immer voller Freude sein, aber immer voller Liebe“ (Thomas von Aquin)

Die erste Nuss!

Es war schon eine Überraschung, dass er geblüht hat, nach so vielen Jahren das erste Mal. Als ich dann aber auch noch Nüsse entdeckt hatte, sechs! am ganzen Baum war ich ganz aus dem Häuschen!

Eine Freundin von Angelika hat mir erzählt, dass Elstern und Eichkätzchen alle Nüsse von ihrem Baum holen, sodass sie nie welche bekommt, war ich immer wieder recht wachsam: Elstern haben wir zwei Pärchen in der Nachbarschaft…

Aber zumindest einige haben es bis jetzt geschafft, das nasskalte Wetter lässt die Hülle aufplatzen und heute hab ich die erste am Boden entdeckt. Gekostet wird sie am Abend, jetzt aber hab ich sie nur ganz sorgfältig gesäubert und geöffnet. Wunderschön!

Es ist fast voll, das Jahr, das vergangen ist. Manches rückt weg, das Wichtige wird klarer, spürbarer und intensiver.
Zutiefst dankbar bin ich für jeden neuen Tag, den ich erleben darf, den ich hier mit Angelika und unseren Wesen, Emma, Maxi und unsere sechs Hennen, die uns begleiten, leben kann.
Zutiefst berührend und schön ist alles Gemeinsame.
Wie herrlich schmeckt jeder Atemzug.
Wie groß sind selbst die kleinsten Freuden!

A Vega vom Hopfensee

steht jetzt bei uns im Haus. Nein, es ist ein kleines Schweindl, gesellt sich zum zweiten in unserem Hausgang. Das Holz hat eine sehr ähnliche Farbe wie unsere liebe Vega gehabt hat.

Nicht selten ist mir am Anfang passiert, als sie nicht mehr da war, dass ich geglaubt hab, sie sitzt da. Wie sie so oft gesessen ist, auch an diesem Platz in letzter Zeit.

Sie fehlt mir.