Meine kopernikanische Wende

Die stets wiederkehrende Aussage, Wilde, Schwarze, Japaner glichen Tieren, etwa Affen, enthält bereits den Schlüssel zum Pogrom. Über dessen Möglichkeit wird entschieden in dem Augenblick, in dem das Auge eines tödlich verwundeten Tiers den Menschen trifft. Der Trotz, mit dem er diesen Blick von sich schiebt – “es ist ja bloß ein Tier” – wiederholt sich unaufhaltsam in den Grausamkeiten an Menschen, in denen die Täter das “nur ein Tier” immer wieder sich bestätigen müssen, weil sie es schon am Tier nie glauben konnten. (…)

(Adorno, Th.W.: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt am Main 1982, S.133 f.)

Als Angelika und Eva 2011 den Vorschlag machten, Hühner halten zu wollen, war ich der Idee gegenüber ganz offen eingestellt – ich leb(t)e immer schon mit Hunden, ich fand Katzen interessant, Hühner hielt ich für Lebewesen, die zwar mit mir wohl kaum reden würden, aber die ganz putzig und nützlich sind – gerne war ich bei der Umsetzung dabei.

Ich hatte niemals damit gerechnet, dass sie mein Leben in einer Beziehung radikal ändern würden: ich sehe die Welt nun auch von der Seele der Tiere aus, und sie ist nicht nur schön. Genauso, wie ich jede Gewalt gegen Menschen nicht ertragen mag, körperlich oder seelisch, schmerzt und rührt es mich ins Innerste, wenn sie gegen Tiere gerichtet ist.

Sie ist schön und manchmal traurig, vielfältig, gefühlvoll und reich mit allem Lebendigen, das wir auch selbst erleben: der Blick von Hähnen und Hennen, wenn eine(r) der Ihrigen stirbt; der Blick von brütenden Hennen (denen man die Eier wegnehmen muss (?)); der Blick und das Verhalten von Poldi, wenn sie mich zu überzeugen versucht, dass sie jetzt unbedingt aus dem Stall in den Garten hinauswill (auch wenn es regnet), eine Henne und ihre Küken, die zwischen den Flügeln, unter denen sie Schutz finden, herausschauen; Gina (und inzwischen Sophia), wenn sie auf mich warten, bis ich sie von der Schlaf-Sitzstange herunterhebe zum Stallboden – hier reden (gurrt, schnatter, zwitschert, gackert, …) Wesen mit Wesen.

Wie soll ich so ein Wesen töten wollen, um es zu essen? Wie soll ich es zulassen können, dass es unter unmenschlichen Bedingungen “gehalten” wird, dass es eine Lebensmittel-“Produktion” gibt? Es gibt Einsichten, die, einmal gewonnen, nicht wieder gelöscht werden können: ich kann sie höchstens ignorieren. Es gibt Erkenntnisse, die Haltungen komplett verändern müssen, da es keinen Mittelweg gibt: wenn ich den Unterschied zwischen Mensch und Tier als einen Unterschied in der Ausprägung von Fähigkeiten (ich als menschliches Tier kann beispielsweise schlechter fliegen als unsere Hennen, die das angeblich gar nicht können), keinesfalls aber etwa in den “menschlichen” Kategorien Bewusstsein, Empfinden, Vorstellungskraft usw. sehen kann (oder muss, wenn ich versuche das wissenschaftlich zu sehen, wie es Martin Balluch in seiner Dissertation Die Kontinuität von Bewusstsein getan hat), bleibt mir nichts anderes übrig, als hier keine Grenze zwischen Mensch und (Nutz-)tier mehr akzeptieren zu können: sie existiert für mich nicht mehr, nirgendwo.

Es ist oft spaßig, oft erschreckend, wie sehr alle Regungen, die wir kennen, auch in der Welt der Hühner zu finden sind: da gibt es Rührendes, da gibt es Dramen, da gibt’s Deppen und Hysteriker – alles, was in Gottes Garten zu finden ist.

Und das heißt, mehr Leben und Wesen, die bei uns sind, erleben und spüren zu können. Und noch weniger zu ertragen, wie miteinander umgegangen wird. Stellung beziehen und letztendlich an den Werten, die uns bei Menschen wichtig sind, auch unsere Tiere zu messen, und umgekehrt.

 

Ein Gedanke zu „Meine kopernikanische Wende

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